Südwärts – Durch Wind und Wetter vom Norden in den Süden

Vom hohen Norden in den tiefsten Süden Europas und dabei in 105 Tagen 11 Länder durchqueren und 6383 km zurücklegen ist keine Sache – ausser man macht dies mit dem Velo und alleine. Die Gretzenbacherin Rebecca Roggo hat es so durchgezogen und ein Buch darüber geschrieben.

Was braucht es, um sich mehr als 6000 km durch Wind und Wetter zu kämpfen? Kilometer um Kilometer auf Strassen, Schotterpisten, Sandwegen und Schnellstrassen abzustrampeln? Beim Start nicht zu wissen, wo und in welcher Qualität der nächste Schlafplatz ist? Was antworten Sie darauf spontan? (Rebecca Roggos Antwort dazu finden Sie am Ende des Artikels.)

Hammerfest liegt auf 70° 40′ N, 23° 41′ O und bezeichnet sich als die nördlichst gelegene Stadt der Welt. Bis zum Nordkap sind es noch knapp 100 km Luftlinie. Hier war der Ausgangspunkt für die Tour Südwärts. Und wie der Titel verheisst, ist es danach immer nur in Richtung Süden gegangen. Dabei führte die Strecke durch Norwegen, Finnland, Schweden, Estland, Lettland, Litauen, Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich bis hinunter in den Stiefelabsatz Italiens. Der Kartenausschnitt zeigt, dass die kürzeste Verbindung zwischen Hammerfest und Brindisi anders aussieht. Auf der Website von Rebecca Roggo (http://www.magicglimpses.ch) ist die Route auf Google Maps nachvollziehbar. Die Website präsentiert noch weitere Reisen und viele wunderbare Landschaftsfotos. Und besonders interessant sind die vollständigen und kommentierten Gepäcklisten, falls jemand ähnliche Ideen schon hatte, sich bisher aber nicht getraute diese umzusetzen.

Bei Veloreisen läuft jeder Tag eigentlich immer gleich ab: Aufstehen – Frühstücken – Abfahren – Ankommen – Unterkunft aufsuchen – Erholen – Schlafen – bis zum nächsten Reisetag. Und trotzdem: Die Lektüre des Buches wird nicht langweilig. Denn es ist erstaunlich, wie viele Gedanken einem Menschen unterwegs durch den Kopf gehen; welche Schwierigkeiten und Überraschungen man dabei antreffen kann; wie Problemlösungen aussehen können; welchen Menschen man begegnen kann und darf; wie unterschiedlich sich die verschiedenen Länder – auch bei Kleinigkeiten – zeigen …. Einfach faszinierend und beeindruckend.

Als Interessierter an der Geschichte gibt es einen kleinen Wermutstropfen: Ich hätte gerne mehr über die Vergangenheit der verschiedenen Länder und Ortschaften erfahren, aber das ist bei einem so straffen Reiseprogramm schwer möglich.


Frau Roggo, was bedeutet Reisen für Sie? Was mit dem Velo reisen?

Reisen heisst unterwegs sein und Neues / Anderes entdecken. Jeder Tag ist dabei anders. Ich liebe Vielfalt, Abwechslung, Unberechenbarkeit. Und man lernt gute, spannende und hilfsbereite Menschen kennen.

Eine Veloreise bedeutet: Raus aus der Komfortzone, in Bewegung sein, nah an der Natur sein, mich auf Neues, Herausforderndes einlassen, Lösungen finden müssen und auch schwierigere Momente durchstehen. Die Belohnung dafür erhalte ich in vielfältigen Formen (gute Gefühle wie Zufriedenheit und innere Ruhe, spannende Begegnungen…).

Gibt es Eigenschaften / Qualitäten, die Sie auf Ihren verschiedenen Reisen erlernt haben? Welche sind das?

Gelassenheit, die Ruhe bewahren und zuversichtlich bleiben! Denn es findet sich immer eine Lösung, wenn diese auch oft anders ist, als man dachte, wollte oder plante. Weiter lernt man das Kleine sehen und schätzen und Kraft aus dem Kleinen schöpfen. Das provoziert Achtsamkeit Demut, Dankbarkeit – auch für scheinbar kleine Dinge.

Wie sind Sie auf die Idee der Veloreisen gekommen?

Als Kind und Jugendliche haben wir mit der Familie einige Veloferien in der Schweiz und in den Nachbarländern gemacht. Später habe ich die Freude am Reisen entdeckt – auch am alleine reisen. Zuerst habe ich Trekking- und Kanutouren gemacht. Veloreisen sind die Kombination von alldem. Der Vorteil ist zudem: Man kommt weiter pro Tag, ist trotzdem langsam unterwegs, erlebt die Natur hautnah – und man muss das Gepäck nicht am Rücken tragen.

Wie viel Gretzenbach reist mit Ihnen jeweils mit?

Meine Liebe zur Natur und zum Draussen sein wurde sicher in meiner Kindheit und im ruhigen und naturnahen Dorf Gretzenbach geweckt. Aufgewachsen bin ich am Waldrand, als Kind war ich oft im Wald. Und ich war auch immer gerne in Bewegung.

Ich bin auch jetzt noch sehr gerne zu Besuch im Haus meiner Eltern am Waldrand, mit dem Blick in die Ferne.

Die Nord-Süd-Tour liegt bereits 4 Jahre zurück. Was haben Sie seither unternommen?

2018 radelte ich Nordwärts: Von der Schweiz nach Schottland und Shetland, (2852 km).                        Diesen Sommer tourte ich durch Dänemark, die Färöer Inseln und Schweden (1473 km).

Die nächsten Ideen sind die schottischen Inseln (Hebriden, Orkney, Shetland) und Island. Im (europäischen) Norden gefällt es mir extrem gut. Aber auch Australien/Neuseeland und Amerika/Kanada würden mich reizen.

Die Reiseberichte per Internet sind für Sie auch die Verbindung nach Hause gewesen. Warum haben Sie “Südwärts – Mit dem Fahrrad längs durch Europa“ als Buch verfasst?

Vor und während des Schreibens überlegte ich nicht, für wen ich meine Reisenotizen festhalte. Ich schrieb einfach, weil ich Lust und Zeit hatte. Erst später kam die Frage, was mach ich jetzt mit dem Text. Das Buch hat noch keine ISBN-Nummer, d.h. nur ich kann Bücher bestellen. So viele Exemplare, wie ich bestelle, werden gedruckt und ich bezahle pro Exemplar. So lange ich das Buch nur im Verwandten- und Freundeskreis verbreite, ist das für mich die beste, weil einfachste und günstigste Lösung.

Ich kann aber jederzeit eine ISBN-Nummer beantragen und dann kommt es in den Buchhandel und in Bücherläden. Vielleicht werde ich diesen Schritt mal noch tun, mal sehen…


p.s. Liebe Leserin, lieber Leser! Wie haben Sie die Eingangsfragen zu diesem Text beantwortet? Fanden Sie, es braucht Mut dazu, als allein reisende Frau Tausende von Kilometern im Ausland abzuspulen?

Rebecca Roggo schreibt dazu im Vorwort zu ihrem Buch:

‘Wäre Mut die wichtigste Eigenschaft für ein Vorhaben wie meines, ich wäre wohl kaum losgezogen oder hätte bald wieder aufgegeben. Nein, ich finde, es braucht andere Eigenschaften und Voraussetzungen, die wichtiger sind. Wille zum Beispiel; der Wille zu starten, Widrigkeiten auszuhalten und durchzubeissen.’

Weitere Qualitäten und Eigenschaften, die es braucht oder die sich entwickeln, hat die Autorin in den ersten beiden Fragen des Interviews aufgezählt. / HS

Bildlegende: Auch das Velo stammt aus Gretzenbacher Produktion (Aarios)