Mein Leben als elektrosensible Person: Der Bewegungsraum wird immer kleiner

Fokus Gretzenbach nimmt das Thema der Elektrosensibilität ernst, weil es ein neues und umstrittenes Thema ist. Tatsache ist: Wir wollen überall und jederzeit qualitativen guten Zugriff auf die Datenströme haben. Wegen unserer grossen Mobilität, unserer Konsumiersucht und auch Bequemlichkeit ist WLAN das Zaubermittel, d.h. Sender und Empfänger kommunizieren durch die Luft – dank Funksignalen und die sind überall.

Die Diskussion um die Strahlen und ihre Auswirkungen erinnern an die Kämpfe ums Blei-Benzin, um die Atomkraft, um DDT, Asbest  …. Zunächst sind diese Neuerungen hochgejubelt worden, bis man merkte, dass sie ganz klar auch sehr schlechte Nebenwirkungen haben. Bezüglich Strahlungsdiskussion, bzw. Elektrosensibilität muss sich die Geschichte nicht wiederholen. FOG stellt sich nicht gegen die digitale Zukunft, will aber auch die Rückseite der Medaille beleuchten.

Am besten geht dies mit einem Bericht, geschrieben von einer Person aus Gretzenbach, die elektrosensibel ist und im gewöhnlichen Alltag permanent die Auswirkungen der Strahlen spürt. FOG kennt diese Person, verzichtet aber auf die Nennung des Namens, da elektrosensible Personen schnell als Simulanten, Sensibelchen oder ähnlich bezeichnet werden.

Nachdem wir vor vielen Jahren in unser Haus gezügelt sind, konnte ich monatelang kaum schlafen. Ein Bekannter vermutete, dass dies mit Elektrosmog zusammenhängen könnte. Wir haben darauf 2003 eine professionelle Vermessung machen lassen und herausgefunden, dass wir auf dem Stromnetz Hochfrequenz hatten. Nach einer „Elektrosmog-Sanierung“ wurde es deutlich angenehmer und ich konnte wieder schlafen. Später ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich auswärts in der Nähe von Natelantennen oder mit WLAN im Zimmer nicht schlafen konnte.

Die Beschwerden sind auch an einem Anlass aufgetreten, wo versprochen war, dass der Raum strahlungsfrei sei. Nachgemessen haben wir erst, nachdem mehrere Leute Beschwerden hatten. Und tatsächlich war der Raum mit hochfrequenter Strahlung belastet.

Nach einer Übernachtung in einer Berghütte ohne Natelempfang und WLAN bin ich am Morgen trotz nicht sehr angenehmen Bedingungen mit einem klaren Kopf erwacht, mochte gut aufstehen und hatte den ganzen Tag viel Energie. Zu Hause kenne ich dies seit Jahren nicht mehr.
Daher bin ich nach der Arbeit fast täglich im Wald oder fahre an einen Ort, wo ich Zeit in einem Funkloch verbringen kann. Nach ein paar Stunden in einem Funkloch verschwinden die Beschwerden, welche daheim leider rasch wieder da sind.

Inzwischen hat zu Hause die Strahlung von aussen aber so stark zugenommen, dass seit 2019 meine Elektrosensibilität viel schlimmer geworden ist. Ich bin dauermüde und nahe einer Erschöpfung. Bei zu viel Strahlung beginnt der Kopf zu kribbeln, gefolgt von Taubheitsgefühlen, Kreislaufproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsproblemen und Atemschwierigkeiten. Ganz schlimm sind die Löcher danach, welche sich bei vielen Elektrosensiblen erst Stunden später zeigen (vergleichbar mit Sonnenbrand – dieser schmerzt auch erst später). Dann bin ich innerlich sehr nervös, habe Herzrasen, Schlafprobleme, Zuckungen, Depressionen und Weinkrämpfe. Während drei Monaten war ich vom Arzt teilzeitig krankgeschrieben. Er ist überzeugt, dass die Beschwerden mit der Strahlung zusammenhängen und hat darum ein entsprechendes Attest geschrieben.

Zu Hause brauchen wir das Internet übers Kabel, telefonieren mit einem Kabel-Telefon, auch Tablets und Natels werden mit einem Adapter übers Kabel genutzt. WLAN haben wir keines. Das reicht leider nicht: In unserem Haus haben wir neben der Strahlung der Natel-Antennen sehr viele Fremd-WLAN-Netze aus der Nachbarschaft. Bei einer Lebensmittelallergie würde man auf das betreffende Lebensmittel verzichten. Hochfrequente Strahlung wird allen aber rund um die Uhr von Natel-Antennen und anderen smarten Geräten aufgezwungen.

Da ich wegen der Strahlung von aussen seit Jahren nicht mehr erholsam geschlafen habe, bin ich für einige Wochen in den Keller gezügelt. Inzwischen habe ich einen Abschirm-Baldachin für das Bett angeschafft. Leider zahlt die Krankenkasse trotz Arztrezept keinen Beitrag daran. Im Büro sind teure Abschirmstoffe aufgehängt, damit ich in diesem Raum überhaupt noch sein kann. Wirklich wohl ist es mir nur noch im Keller und unter dem Baldachin. Auch rund ums Haus halte ich es nicht mehr lange aus.

In Teilzeit arbeitend kann ich die Büroarbeit von zu Hause aus erledigen. Schwierig sind Sitzungen, bei denen Handys nicht auf Flugmodus gestellt sind. Auswärts arbeiten ist unmöglich geworden. 

Reisen mit Bus und Zug sind inzwischen fast unmöglich geworden, die Beschwerden während und nach der Reise sind sehr gross. Die modernen Wagen verfügen über immer mehr Elektronik. Dazu kommen Handyverstärker und oftmals WLAN. Sehr viele Passagiere haben das Handy eingeschaltet, arbeiten am Tablet oder hören Musik über Bluetooth-Verbindungen. All dies sind Strahlungsquellen, die für Elektrosensible unaushaltbar sind. Viele Elektrosensible verzichten daher seit Jahren auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Auch das Autofahren wird anstrengend, da v.a. auf Autobahnen und entlang Bahnlinien die Strahlung der Natel-Antennen sehr hoch ist.

Ferien werden zum Spiessrutenlauf. Fast überall wird WLAN zur Verfügung gestellt. Es ist also schwierig, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden, wo man einigermassen schlafen kann, selbst mit Abschirmschlafsack. Und manchmal bleibt nur das Essen im Zimmer übrig, da dies im Restaurant unmöglich ist.

In Lebensmittelgeschäften ist die Strahlung so hoch, dass ich nach dem Einkaufen eine längere Erholungszeit brauche. Inzwischen gehe ich kaum mehr selber einkaufen. Früchte Rychard ist aber so hilfsbereit und liefert die Bestellungen nach Hause.

Auch der Besuch von Sportanlässen, Arzt, Optiker, Therapie, Fitness, Coiffeur usw.  ist mit viel Strahlung verbunden. Selbst in den Spitälern ist überall WLAN. Und gemäss Auskunft des Hausarztes sind dort mittlerweile auch die Geräte über Funk verbunden. Da werden Elektrosensible eher krank als gesund.

Während des Lockdowns ist durch die viele Heimarbeit über kabellose Verbindungen die  Strahlungsbelastung nochmals gestiegen. Mit der Einführung der Covid-App wird es nochmals schwieriger, da das Handy immer eingeschaltet sein muss.

Der Corona Lockdown hat für Elektrosensible nicht viel verändert: Sie leben auch ohne Corona-Virus sehr isoliert.

In der Schweiz sind etwa 5 bis 10 % der Personen elektrosensibel. Mit der Aufrüstung der Antennen und immer mehr smarten Produkten wird es zunehmend elektrosensible Personen geben. Wie soll das Leben von Elektrosensiblen in der Schweiz weitergehen? Wohin können wir gehen? Einfach in die Berge zügeln funktioniert nicht. Auch dort sind die meisten Orte bereits verstrahlt.

Verliere  ich wegen der überall vorhandenen Strahlung Hobbies und auch Freundschaften?

Es gibt Lösungsmöglichkeiten, um den Mobilfunk gesundheitsverträglich zu gestalten.
– Im Hausinnern kann verkabelt werden. Dies funktioniert heute schon, mit Glasfaserkabeln würde dies noch schneller gehen.

– Wer WLAN brauchen möchte, kann dies so einstellen, dass die Nachbarn nicht belastet werden (Einstellungen, Lage vom Router im Haus, Abschirmstoff um den Router oder Ecomode-Router brauchen).

– Bei DECT-Telefonen kann Ecomode Plus aktiviert werden, damit diese nur bei Gebrauch strahlen. Darauf achten, dass andere Geräte nicht unnötig strahlen, WLAN deaktivieren, wenn es nicht gebraucht wird (Drucker, Fernseher usw.).
– Im öffentlichen Verkehr sollte es in jedem Zug einen Wagen ohne Funkstrahlung geben, d.h. ohne Handyverstärker, ohne WLAN und mit Handyverbot.

Wichtig ist auch das Angebot an Arbeitsplätzen, Einkaufsläden, Arztpraxen, Coiffeursalons, Hotels, Restaurants, usw., die für Elektrosensible geeignet sind. So können auch Elektrosensible arbeiten, ihren Alltag selber gestalten und auch Ferien machen.

Ich hoffe, dass das Verständnis für Elektrosensible in unserer Gesellschaft wachsen wird und schnell Lösungen gefunden werden.

Links mit weiteren Informationen:
www.diagnose-funk.org und www.elektrosensibel-ehs.de Aktuell werden Unterschriften gesammelt für die Mobilfunk-Initiative www.mobilfunk-initiative.ch