Interview zum neuen Durchgangszentrum: «Jeder Mensch ist auf der Suche nach einer Perspektive»

Lange ist das neue Gretzenbacher Asylzentrum verschlossen gewesen, im Oktober sind die ersten Asylsuchenden nun eingetroffen. Was bedeutet das für Gretzenbach? Und wie sieht der Alltag im neuen Durchgangszentrum aus? Fokus Gretzenbach traf den Betriebsleiter zum Interview.

Herr Jucker, der Informationsanlass hat am 25. April stattgefunden, das Durchgangszentrum ist erst im September eröffnet worden. Wie haben Sie selber diese Phase der Warterei erlebt?
Ursprünglich ist geplant gewesen, dass wir direkt hierherkommen, sobald das Asylzentrum Kestenholz zugeht. Durch die Verzögerung sind wir dann auf die anderen Zentren verteilt worden, bis es hier losgegangen ist. Man ist unsicher gewesen, wann geht es los, aber man ist immer bereit gewesen.

Sie sind am Informationsanlass vom 25. April dieses Jahres anwesend gewesen; wie haben Sie die Veranstaltung erlebt?
Es ist das erste Mal gewesen, dass ich an einem solchen Anlass teilgenommen und mich auch vorgestellt habe. Man hat gemerkt, dass in der Bevölkerung eine grosse Unsicherheit ist, was ich auch teilweise nachvollziehen kann. Man ist vielleicht erschrocken, als es geheissen hat, es kommen gerade 100 Asylsuchende. Es ist die Angst vor dem Unbekannten, kann ich mir vorstellen.

Hätte man am Informationsanlass etwas anders machen können, um diese Angst stärker abzubauen?
Das ist für mich schwer einzuschätzen. Ich habe das Gefühl, es ist eine subjektive Angst vorhanden. Und da reagiert jeder Mensch anders. Es ist schwierig zu sagen, woher die Ängste kommen. Vielleicht hat man etwas Negatives erlebt oder Schlimmes gehört. Wir haben bei den Asylsuchenden jetzt aber eine andere Zeit, als vor 4, 5 Jahren. Nach dem arabischen Frühling sind in kurzer Zeit sehr viele Asylsuchende aus dem Maghreb gekommen. Und es hat damals schon relativ viele negative Meldungen in den Medien gehabt.

Sie selber also erleben deutliche Unterschiede innerhalb dieser kurzen Zeitspanne?
Ja, das merke ich natürlich selber auch in den Zentren. Es kommt sehr darauf an, was für Klienten in den Zentren sind. Grundsätzlich sind das nicht Kriminelle. Das sind Leute wie wir, teilweise mit einem Schicksal im Rücken, das sie bewegt hat, diese Reise in ein anderes Land auf sich zu nehmen.

Sie sind am Anlass auf der Bühne vermisst worden; warum waren Sie nicht oben auf dem Podium?
Ich habe mich kurz vorgestellt. Und für die allgemeinen Informationen sind die Leute auf der Bühne gewesen, die diese vermittelt haben.

Verschiedene Auskünfte haben für Unverständnis gesorgt. So ist die Frage ist aufgeworfen worden: Was passiert mit einem Asylanten, der beim Schwarzfahren im Bus erwischt wird?
Es passiert das gleiche, wie wenn wir beim Schwarzfahren erwischt werden: Die Person bekommt eine Busse. Diese Regelung gilt für Asylsuchende genau gleich wie für uns.

Bei mir ist der Eindruck haften geblieben:’ Schwarz fahren ist das Problem des ÖV-Anbieters, damit haben wir nichts zu tun!’
Grundsätzlich ist das so. Das ist die Eigenverantwortung jedes Einzelnen.

Wer bezahlt am Schluss die Busse, die doch zwischen 50.- bis 100.- Franken kostet? Dieser Betrag liegt deutlich über den Taggeldern, die Asylsuchende erhalten.
Wenn die Asylsuchenden mit der Busse zu uns kommen, können wir schauen, dass sie die Busse in Raten bezahlen können; vielleicht 20.- pro Woche. In der Regel nehmen wir mit den Betrieben Kontakt auf. Mit den SBB haben wir einen guten Umgang, sie stellen Ratenzahlungen aus.

Der fehlbare Asylsuchende bezahlt am Schluss also die Busse selber?
Das ist klar, die muss der Asylsuchende bezahlen. Wenn diese den Aufforderungen nicht nachkommen, gibt das Mahnungen und kostet zusätzliche Gebühren.

Können Bussen eventuell zu Ausschaffungen führen?
Ich denke nicht, dass Schwarzfahren einen Einfluss auf das Asylverfahren hat, aber das ist eindeutig eine Frage, die ich nicht beantworten kann.

Kopfschütteln hat auch die Antwort ausgelöst, dass ausserhalb des Zentrum bleiben muss, wer sich für die Nacht nicht rechtzeitig zurückmeldet.
Bis 23 Uhr müssen die Asylsuchenden die Präsenzliste unterschreiben, sie müssen also die Anwesenheitspflicht erfüllen.

Diese Information ist so auch mitgeteilt worden. Auf Nachfragen hiess es dann: ‘Dann bleibt er halt draussen!’
Abwesenheit wird sanktioniert. Das erste Mal mit einer schriftlichen Verwarnung. Und die Person wird darauf hingewiesen, dass die Anwesenheit Pflicht ist. Wenn sie das zweite Mal vermisst wird, kann das ein Hausverbot geben. Das bedeutet: Der Fehlbare darf nicht mehr in diese Unterkunft kommen. Ein Hausverbot ist die schärfste Massnahme, die wir aussprechen können.

Und was passiert dann mit dieser Person?
Sie darf nicht mehr in diese Unterkunft kommen und muss auf dem Migrationsamt des Kantons Solothurn um einen neuen Platz bitten.

Diese Person kann aber auch untertauchen.
Ja, denn diese Leute sind im Prinzip frei. Man kann sie nicht festbinden. Und wenn sie das Gefühl haben, sie wollen untertauchen, dann ist das relativ einfach. Aber sie fallen dann natürlich aus der Asylstruktur hinaus. Darum wird das bei eher ernsthaften Asylgesuchen nicht gemacht.

‘Aus den Asylstrukturen fallen’ bedeutet?
Auf dieses Asylgesuch wird wohl nicht mehr eingetreten, weil die Person nicht mehr anwesend ist. Wie die genauen Abläufe sind, müssten Sie aber das Staatsekretariat für Migration wenden. Wir halten uns an die Vorgaben des Kantons.

Während der Nacht ist ein Betreuer vor Ort. Das ist auch bemängelt worden.
Eine Person reicht vollkommen. Man hat bisher gute Erfahrungen damit gemacht, das ist Standard. Es kann immer etwas passieren, auch wenn 10 Leute da sind. Ich habe das Gefühl: Eine Person kann genau richtig und sofort reagieren. Wenn man zu zweit ist, beginnt man vielleicht zu diskutieren, ‘was wollen wir jetzt machen?’. Eine Person weiss, wie sie sich verhalten muss und was zu machen ist.

Welches sind Ihre Aufgaben als Betriebsleiter?
Wir stellen den Betrieb und die Betreuung sicher, den Tagesablauf der Klienten und deren medizinische Grundversorgung. Wir sind zuständig, das Leben untereinander innerhalb dieses Zentrums zu gestalten. Wir beraten Asylsuchende nicht in ihrem Verfahren, wir verweisen sie aber gerne an die zuständigen Stellen.

Geben Sie doch bitte ein Beispiel!
Wenn jemand zu uns kommt und sich über ein Leiden beklagt, klären wir ab, ob wir vor Ort helfen können. Wir haben eine Hausapotheke. Weiter gilt es abzuschätzen, braucht die Person ärztliche Betreuung oder nicht. Wenn ja, machen wir einen Arzttermin ab oder schicken sie in das Spital.

Weiter haben Sie ‘Betreuung’ erwähnt.
Das bedeutet, die Leute in ihrem Alltag zu begleiten, auf sie einzugehen und Hilfe zu bieten. Bei Konflikten müssen wir einschreiten, das ist immer ein grosses Thema.

Wie viele Asylsuchende leben zurzeit hier und wie viele sind im Moment anwesend?
Wir haben zurzeit acht Klienten und die sind praktisch immer da. Vielleicht sind sie eine halbe Stunde oder Stunde draussen am ‘Posten’ und danach kommen sie wieder zurück.

Sie haben auch das herausfordernde Zusammenleben der verschiedenen Personen untereinander erwähnt.
Wir haben jetzt acht Leute aus fünf verschiedenen Nationen (Sri Lanka, Eritrea, Äthiopien, Türkei und Afghanistan). Das Alter bewegt sich von 20 bis 50 Jahre, es sind also keine unbegleiteten Minderjährige. Die sind in einem speziellen Zentrum untergebracht. Bei so viel Verschiedenheit kann es natürlich Konflikte geben; beispielsweise Verständigungsschwierigkeiten untereinander. Zudem ist es relativ eng hier; man muss an einander vorbeikommen und es ist auch nicht viel Privatsphäre vorhanden. So kann es zu Missverständnisse kommen. Es ist dann auch für uns eine Herausforderung, der Sache auf den Grund zu gehen und wieder einen friedlichen Betrieb herstellen zu können.
(Während dieser Antwort tritt der neunte Asylsuchende in das Zentrum ein.)

Wie lange sind die Asylsuchenden schon in der Schweiz, bevor sie hier in Gretzenbach eintreffen?
Die Leute kommen ja aus den Empfangs- und Verfahrenszentren des Bundes. Von da werden sie dann an den Kanton zugewiesen. Dies dauert zwischen zwei Wochen und zwei Monaten.

Beschreiben Sie bitte den Ablauf bei einem Neueintritt.
Die Asylsuchenden kommen hierher und werden in unserem System aufgenommen, mit den Angaben, die wir vom Bund haben. Wir nennen diese Personen hier bei uns Klienten. Danach führen wir ein Eintrittsgespräch. Dieses dauert unterschiedlich lange. Es ist abhängig davon, ob die Person Englisch oder Französisch versteht. Je nachdem ist es im Gespräch einfacher oder schwieriger zu vermitteln, was uns wichtig ist. Es geht darum, den Neueintretenden klar zu machen, wie das Leben hier funktioniert und was von der Hausordnung einzuhalten ist.

Später findet man auch ein bisschen heraus, was sie vorher gemacht haben und woher sie kommen. Zum Teil erzählen sie gerne von ihrer Situation, von ihrem Land. Das ist auch das Interessante an unserer Arbeit. Wenn man den Asylsuchenden offen und ohne Vorurteil gegenübertritt, das merken sie meist schnell, öffnen sie sich auch ein bisschen.

Wie funktioniert hier das Zusammenleben?
Wir sagen, welcher Tagesablauf vorgesehen ist; was sie dürfen und was sie nicht dürfen, und erklären die alltäglichen Dinge, z.B.: Kleider waschen, Ämtlis übernehmen, Präsenzzeiten einhalten, einfach alles, was dazu gehört.

Und wie sieht der Tagesablauf eines Klienten aus?
In der Regel ist die Tagwache freiwillig. Ab 9 Uhr beginnen wir mit den Putz-Ämtlis. Eine Schwierigkeit ist vielleicht, ob die betreffenden Personen selber aufstehen und sich rechtzeitig melden. Vielleicht muss man sie am Anfang noch aufwecken, aber mit der Zeit klappt das. Auf Anweisung von uns werden die Ämtlis durchgeführt und zum Schluss auch kontrolliert. Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen von Sauberkeit. Nach Abschluss der Ämtli finden zweimal pro Woche Deutschkurse statt. Es herrscht Teilnahme-Pflicht für die Leute, die eingeteilt sind. Und es hat viele Analphabeten, bei denen man auch mit der Schrift beginnen muss. Sehr viel Zeit brauchen sie für sich selber, für ihre Einkäufe, für ihre Telefonate, um die Angehörigen zu erreichen, und für das Kochen.

Kocht jeder für sich?
Meistens tun sich ein paar zusammen, oft aus der gleichen Nationalität. Sie gehen auch gemeinsam einkaufen und kochen und essen gemeinsam. Interessant bei den jetzigen Klienten ist, dass sie, obwohl sie aus unterschiedlichen Nationen stammen, oft zusammen das Znacht kochen und gemeinsam am Tisch essen.

Wie reagieren die Männer auf das Putzen?
Sehr unterschiedlich. Einige sind froh darüber, dann haben sie wenigstens eine Aufgabe. Es gibt aber auch Männer, die sagen, das ist keine Aufgabe für mich. Mit diesen muss man das Gespräch suchen und ihnen erklären, dass auch sie Dreck verursachen und dass hier alle verantwortlich sind für die Sauberkeit.

Ein Gespräch wirkt?
Das ist wieder eine heikle Geschichte. Man findet aber sicher eine Tätigkeit, die dieser Mann machen kann. Und wenn es gar nicht geht, dass er das WC putzt, dann findet man vielleicht eine andere Aufgabe für ihn, die er doch erledigen kann.

Gibt es weitere Beschäftigungsangebote vom Zentrum aus?
Von der ORS aus gibt es ein Beschäftigungsprogramm. Es kommt eine externe Person mit einem kleinen Bus vorbei und sammelt die Gruppe ein, die extern arbeiten geht. Oft ist es gemeinnützige Arbeit wie Wanderwege reparieren, Trockenmauern erstellen oder Neophyten ausreissen. Diese Gruppe ist den ganzen Tag draussen unterwegs, kocht auch selber und kommt am Abend wieder heim. Dieses Programm ist grundsätzlich auf freiwilliger Basis und läuft jeweils eine gewisse Zeit. Dabei wird auch auf die Person geschaut: Kann sie Arbeitsanweisungen umsetzen, ist sie pünktlich etc.

Wenn sie das Programm durchzieht, bekommt sie am Schluss ein Zertifikat, eine Bestätigung für die Programmteilnahme. Diese Tätigkeiten sind der erste Kontakt mit der Arbeitswelt in der Schweiz und wie diese funktioniert. Das kann für später natürlich wieder nützlich sein.

Erhalten die Asylsuchenden dafür einen Lohn oder sind diese Einsätze die Abgeltung für die Leistungen, die sie beziehen?
Die Urkunde soll Motivation sein, am Programm teilzunehmen. Sie werden fast keine anderen Möglichkeiten haben, sich mit der Arbeitswelt hier in der Schweiz auseinanderzusetzen.

Wie gross ist Ihr Betreuer-Team?
Im Tagesteam sind wir zu dritt, wir haben natürlich auch noch Nacht- und Wochenendbetreuer. Es ist eine 24-Stunden-Betreuung, es ist also immer jemand da.

An der Informationsveranstaltung ist gesagt worden, man tue alles, damit der Betrieb ruhig verlaufen kann. Was heisst das?
‘Ruhig’ ist bezogen auf das, was ausserhalb passiert.

Was darf nach Ihnen sicher nicht passieren?
Das wäre der Fall, wenn die negativen Vorkommnisse überborden würden. Wenn wir plötzlich zu hören bekämen, was ausserhalb alles passiert.

Sie haben also weniger Bedenken vor einem einzigen grossen Ereignis als vor vielen kleinen Situationen?
Man schaut Gretzenbach als ein einziges Zentrum mit wechselnden Klienten an. Hier werden noch viele Leute ein- und ausgehen. Wir gehen aber sicher nicht vom Schlimmsten aus.

Wie sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich aus den anderen Zentren?
Genau aus diesen Erfahrungen weiss ich, dass wir uns keine Gedanken machen müssen, was das Schlimmste sein könnte. Meistens verläuft der Betrieb wirklich reibungslos.

Warum arbeiten Sie im Asylbereich?
Nach meiner beruflichen Tätigkeit in einem Dreischicht-Betrieb habe ich etwas Neues gesucht und bin dabei auf den Asyl-Bereich gekommen. Mit gefällt die Arbeit mit den Menschen sehr und auch das Kennenlernen verschiedener Kulturen. Dazu bekommt man nicht überall die Chance. Und wenn man offen ist für die Herkunftsländer der Leute und mitbekommt, was da passiert, erweitert das den Horizont. Zum Teil ist das für uns unvorstellbar.

Kennen Sie die Länder, aus denen Ihre Klienten kommen, persönlich?
Persönlich habe ich ausser der Türkei leider noch keines dieser Ursprungsländer gesehen. Ich habe aber vor, nächstens nach Afrika in die Ferien zu gehen. Das ist dann überhaupt das erste Mal, dass ich selber ausserhalb von Europa bin. Gerade weil ich nicht in die Welt hinausgegangen bin, konzentriert sich nun die Welt ein bisschen in meiner Arbeit.

Als was fahren Sie nach Afrika: Als Tourist oder als Entdecker?
Als Tourist, aber schon auch als Entdecker. Ich bin gespannt, wie ich das Leben da auffasse. In all den Jahren habe ich doch verschiedene Nationalitäten recht gut kennen gelernt und habe auch erfahren, wie diese Leute ‘ticken’. Ich bin gespannt, wie ich mich fühlen werde, wenn ich vor Ort bin.

Und wenn die Realität Sie enttäuscht?
Das glaube ich nicht. Ich weiss, dass das Leben da komplett anders organisiert ist als die Schweiz oder in Europa.

Welche Erwartungen haben Sie an die Gretzenbacher und Gretzenbacherinnen bezüglich des Täli?
Grundsätzlich kann ich keine Erwartungen stellen.

Anders gefragt: Kann die Bevölkerung einen Beitrag leisten für einen reibungslosen Betriebsablauf?
Es sind schon Einwohner aus Gretzenbach auf uns zugekommen, die gerne etwas mit den Klienten unternehmen möchten. Um solche Beiträge sind wir natürlich sehr froh. So erleben die Klienten selber, dass sich hier jemand für sie interessiert, solange sie hier sind.

Produziert das nicht falsche Hoffnungen, wenn der Kontakt zu den Asylsuchenden forciert wird?
Man muss sich bewusst sein, dass die Leute hier im Asyl-Verfahren sind, d.h.: Es ist nicht sicher, ob sie einen positiven oder einen negativen Entscheid bekommen. So stellt sich schon immer wieder die Frage, wie fest soll man versuchen, sie zu integrieren, wenn sie eventuell trotzdem die Schweiz wieder verlassen müssen. Aber als Konsequenz keine Beziehung aufzunehmen, das sehe ich nicht.

Sie wären also froh um Angebote aus dem Dorf?
Sicher ja. Das Leben der Klienten würde sich nicht nur nach Innen ausrichten. Denn alles, was sie bekommen, findet immer nur hier Innen und innerhalb dieser Gemeinschaft statt.

Ihr Eindruck von der Unterkunft?
Sie hat sich sehr verändert. Als ich das erste Mal hier drinnen gewesen bin, hat sie einen nicht so wohnlichen Eindruck gemacht. In der Zwischenzeit sieht es ganz anders auch. Auch die Anwesenheit der ersten Personen macht sie lebendiger.

Läuft man auf den Täli-Parkplatz zu, stellt man fest, dass sich der Eingang zum Zentrum hinter den Glas- und Aluminiumcontainern befindet. Ist das für Sie oder Ihre Klienten ein Problem?
Nein, wir können die Container sogar gut für unsere Abfalltrennung benutzen. Und die Sprayereien darauf sind beleidigend, aber ich glaube nicht, dass sie so aufgefasst werden.

Ich möchte Sie gerne mit Kritik zum Asylwesen und zu den Asylsuchenden konfrontieren. Vielleicht können Sie dazu Ihre persönliche Sicht einbringen.
Es ist so, dass wir die Betreuungsarbeit strikt trennen vom Asylgesuch. Aus welchen Gründen jemand da ist, spielt für uns keine Rolle. Uns ist wichtig, wie sich die Person hier unten benimmt und wie wir zugange kommen mit dieser Person.

Wie beurteilen Sie das aktuelle Aufnahmeverfahren hier in der Schweiz?
Das muss ich gar nicht beurteilen, weil es nicht wichtig ist für meine Arbeit. Die Organisation ist politisch und konfessionell neutral. Aber unsere Arbeit ist sicher abhängig von den politischen Entscheiden.

Die aargauische Regierungsrätin, Frau Hochuli, hat kürzlich gesagt: Asylanten sollen konsumierte Dienstleistungen bezahlen, konkret den TV-Konsum. Im Aufenthaltsraum hat es einen grossen Bildschirm.
Diese Leute haben ein Recht auf Information und man muss ihnen die Chance geben, Informationen aus ihrem Land zu bekommen. Statt des Fernsehers könnte man alle internationalen Zeitung auflegen.

Stellen Sie bei Ihren Klienten eine Konsumhaltung fest?
Nein. Wir Schweizer haben eine Konsumhaltung und vielleicht wird diese von den Klienten übernommen. Ich glaube, jeder Mensch ist auf der Suche nach einer Perspektive. Da diese bei Asylsuchenden in ihrem Land meistens nicht vorhanden ist, versuchen es irgendwo anders. Oft führt das auch zu Enttäuschungen, weil die Perspektive im ersten Moment am neuen Ort auch nicht vorhanden ist.

Wir sind am Ende des Interviews. Wie lautet Ihr Schlusssatz?
Ich hoffe auf ein gutes Zusammenleben mit den Klienten und dem Umfeld.

Interview: Hans-Peter Steiner