Action – aber der Adrenalinspiegel blieb tief

Am 23. September hat die Notfallübung Bellawerde im Eppenbergtunnel stattgefunden, in einer massiv abgespeckten Version. Eine Figurantin ist verletzt worden und eine Türe hat geklemmt. Ansonsten hat die Übung die gesteckten Ziele erreicht.

Im Aufruf der SBB vom Juli sind 600 Figuranten für die Übung gesucht worden, am Schluss waren es etwa 350 – wegen Corona. Wegen des Virus sind auf Solothurner Seite der Leitungsstab und die Zahl der Beobachter so tief wie möglich gehalten worden, selbst der Gretzenbacher Gemeinderat und die Presse bekamen keine Einladung. Aber das hiess natürlich nicht, dass fotografieren ausserhalb der Sperrzone verboten gewesen wäre. Nachfolgend ein Augenschein auf der Westseite des Eppenbergtunnels.

8.30, es regnet leicht. Beim Notfallausstieg Obstgarten ist nichts Aussergewöhnliches zu erkennen, beim Feuerwehrmagazin Schönenwerd ist eine Türe geöffnet. Ein Mitglied der Interventionstruppe Olten läuft vorbei und gibt Informationen zur bevorstehenden Übung. Ziel der Übung soll die Bestätigung eines gut funktionierenden Notfallkonzeptes sein, welche Voraussetzung ist für die Bewilligung des Bundesamtes für Verkehr, dass der Tunnel befahren werden kann. Bei den Tunneleingängen werden auch Drohnen zum Einsatz kommen, seit mehreren Monaten sammelt man Erfahrungen damit. Ein Livestream aus der Vogelperspektive wird direkt in die Einsatzzentrale übertragen, um so die Situation vor Ort besser und gezielter koordinieren zu können. Die Drohentechnik – so die Planung – soll es dereinst auch möglich machen, in den Tunnel einfliegen zu können, was besonders bei Bränden eine enorme Hilfe wäre.

Inzwischen erwacht der der Stützpunkt, weitere Türen sind offen, Angehörige des Stützpunktes laufen umher und laden Getränke in die Fahrzeuge ein.

Kurz vor 9 Uhr fährt ein Feuerwehr Auto mit SG-Nummer auf den Parkplatz beim COOP. Die beiden Mitglieder einer SBB-Interventionstruppe erkundigen sich nach dem nächsten Restaurant und verziehen sich in den Storchen zu einem Kafi. Von Anspannung keine Spur. Dem Beobachter fallen aber weitere ausserkantonale Nummernschilder an roten Fahrzeugen auf: Bern, Basel, sogar eine Ambulanz aus dem Kanton Uri; und auch die Feuerwehr Grenchen zeigt sich.

Ca 9.15 beim Portal West: Vor Ort sind 2 Zivilschützer des Niederamtes und eine SBB-Mitarbeiterin; es ist die Drohnen-Lenkerin. Leider sind keine Fotos von oben auf das Geschehen vorgesehen, nur der Livestream. Man schwatzt, unterhält sich und wartet. Rund 20 Minuten vor 10 Uhr fährt die lokale Feuerwehr in ihren Warteraum beim KKG. Man kennt sich und wirft sich gegenseitig lockere Sprüche zu.

Gegen 9.50 nähert sich langsam der Bellawerde-Zug von Däniken her. Er wird etwa in der Tunnelmitte stehen bleiben, was bedeutet, dass ziemlich sicher beim Notausstieg Obstgarten Figuranten früher hervorkommen werden. Also Standortwechsel.

Kurz nach 10 Uhr beim ‘Obstgarten’. Es sind da: 2 Zivilschützer und ein Beobachter. Aufgabe der Zivilschützer ist, den asphaltierten Platz für die Einsatzkräfte und die Zugspassagiere freizuhalten. Da die Presse hier nicht vorgesehen ist, erfolgt eine Rücksprache nach oben, ob der Beobachter anwesend sein darf. Aus dem Funk ist zu hören, dass ‘… der Kantonspolizei vorbeikommen werde’. Auf jeden Fall ist das Fotografieren vom Acker aus erlaubt.  Je länger die Warterei dauert, umso mehr schwatzt man miteinander und erfährt so weitere interessante Informationen: Das Tunnelportal West und der Notausstieg Obstgarten werden von der Oltner Feuerwehr angefahren, die beiden anderen Notausstiege sind Sache der Stutzpunktfeuerwehr Schönenwerd und das Portal Ost liegt im Zuständigkeitsbereich der Aarauer.

10.40: Der Alarm ist vor etwa einer halben Stunde ausgelöst worden. Plötzlich wird die Notfalltüre von innen aufgestossen, drei junge Frauen kommen heraus, leicht ausser Atem wegen des Treppensteigens. Es folgen weitere Personen, nach Einsatzhandbuch sollten es gut 100 Personen sein. Wer unverletzt ist, wird zügig vom Platz an die Bielackerstrasse verwiesen, wo sie an der Gemeindegrenze Gretzenbach – Schönenwerd vom Bus aufgenommen werden. Die Verletzten, wegen der Treppe werden es leichte Verletzungen sein, werden von einem Sanitätsteam betreut.

Wenige Minuten nach den ersten Figurantinnen trifft auch die Oltner Feuerwehr ein und bereitet sich auf die Brandbekämpfung im Tunnel vor. Die Türe zum Lift funktioniert aber nicht wie gewünscht, es braucht einen erheblichen Kraftaufwand, bis sie endlich aufgeht. Der Kommentar des Standort-Beobachters: ‘Das ist gut. So sehen wir, was noch nicht funktioniert.’

11.10, Feuerwehrmagazin Schönenwerd, Ort der inzwischen aufgebauten Einsatzzentrale. Alles easy und cool. Obwohl kein offizieller Presseheini wird das Betreten des Areals erlaubt.

11.46 Vorbeifahrt am Westportal mit dem Regionalzug nach Olten. Man sieht noch Fahrzeuge und Einsatzkräfte, von Figuranten keine Spur. Die Evakuation ist wahrscheinlich abgesschlossen. Vermutlich muss noch der Brand bekämpft und der Zug aus dem Tunnel gezogen werden. Nach Auskunft der SBB dauerte die Übung rund 4 Stunden.

15 Uhr After-Action-Meeting im KKG. Da wir die störrische Tür sicher zur Sprache gekommen sein.

Fazit: Anspannung ist nie spürbar gewesen. Das hat auch daran gelegen, dass die Blaulichtorganisationen nur im echten Notfall die Sirene einsetzen dürfen. Die Schönenwerdner und Gretzenbacher haben daher kaum etwas von der Übung mitbekommen, Zuschauer hat es auf der Westseite praktisch keine gehabt. Im Ernstfall wird das sicher anders sein. Und dann wird der Schlüssel die störrische Notfalltüre sicher aufschliessen können.

Übrigens: Was heisst Bella Werd(e)?/ HS

Notausstieg Obstgarten

Stützpunkt Schönenwerd / Einsatzzentrale

Tunnelportal West